Luftbrücke nach verheerendem Wirbelsturm

Der Zyklon Idai hat im März weite Teile Mosambiks, Eswatinis, Malawis, Simbabwes und Madagaskars heimgesucht. Am schlimmsten jedoch war Zentralmosambik betroffen. Tausende Tote, hunderttausende Obdachlose, Überschwemmungen und zerstörte Ernten, Häuser und Infrastrukturen waren die Folge. Vor Ort und einer der ersten Helfer war Matthias Reuter, Helikopterpilot von Mercy Air. Im Interview schildert er der Flugpost einige seiner Eindrücke.

Mercy Air hat nach dem Zyklon Idai und den darauffolgenden Überschwemmungen mit dem Hubschrauber Erkundungs- und Versorgungseinsätze in Mosambik geflogen – und ihr wart die ersten vor Ort. Wie war dieser schnelle Einsatz möglich?

Unsere erste Einsatzcrew, Pilot Joel Bärtschi und Mechaniker/Flughelfer Philip Schmied, hatten den einen Mercy Air Helikopter von Beira rund 400 Kilometer Richtung Malawi verlegt, weil die Unwetter dort begonnen hatten und wir davon ausgingen, dass unsere Hilfe dort zuerst in Anspruch genommen würde. Zudem war so die Crew und der Helikopter in Sicherheit vor dem nahenden Sturm. Wir erhielten wider Erwarten aus Malawi keine Flugbewilligung. In der Zwischenzeit hatte der Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von über 200km/h Beira verwüstet und auch den Hangar abgedeckt. Wären wir dort geblieben, wäre auch unser Helikopter zerstört worden und wir wären nicht so schnell einsatzbereit gewesen.

Wie muss man sich diese ersten Hilfs-Einsätze vorstellen?

Wir haben westlich und südlich der Küstenstadt Beira sofort mit Erkundungs- und Rettungsflügen begonnen. Zusammen mit einer lokalen Hilfsorganisation führten Joel Bärtschi und sein Team die allerersten Rettungsflüge durch. Oberstes Ziel war isolierte Menschen von Hausdächern und Bäumen in den am stärksten überschwemmten Gebieten zu retten und sie entweder auf Festland oder wenigstens zu grösseren Personengruppen zu bringen, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Das Ausmass der Überflutungen war riesig, im Umkreis von bis zu 20 Kilometern fand sich oft kein erhöhter Grund, geschweige denn ein geeigneter Landeplatz für den Heli.

Was gehört zu deinen stärksten Eindrücken?

Während den ersten Flügen über das Katastrophengebiet trauten wir unseren Augen kaum. Wo wir früher um weites Gras- und Weideland mit kleinen Dörfern wussten, war nun alles überschwemmt, soweit das Auge reichte. Stellvertretend für tausende Schicksale möchte ich hier die etwa 40 Jahre alte Mae Theresa nennen. Ich sass neben ihr unter einem Baum während einem der zahlreichen Erkundungsflügen. Unter Tränen schilderte sie uns ihre Erlebnisse und zeigte auf den Baum, auf dem sie vier Tage ausgeharrt hatte. Von dort musste sie zuschauen, wie ihre Bleibe und alle anderen Hütten vom Wasser weggeschwemmt wurden. Ihre Kinder, eine Ziege und Kochtöpfe – ihr wichtigstes Hab und Gut – konnte sie mit auf den Baum retten. Auch eine andere alte Frau blieb mir in Erinnerung: Sie stürzte und brach sich zu allem Unglück den Kiefer, als sie vom Baum stieg der ihr das Leben gerettet hatte.

Wie muss man sich einen Einsatztag während der Katastrophe vorstellen?

Auf dem Flugplatz Beira fand jeweils am Morgen das Einsatzbriefing statt. Die Hubschrauber wurden bereitgestellt inklusive technischer Vorflugkontrollen. Je nach Flugauftrag wurden die Maschinen betankt und beladen. Vor allem zu Beginn war es notwendig, zahlreiche Erkundungsflüge durchzuführen. Aus der Luft konnten sich Fachkräfte sofort ein Bild über unterbrochene Strassen und abgedeckte Häuser, Schulen und Gesundheitsposten machen. Darauf folgten gezielte Hilfsflüge. Zu Beginn des Tages flogen wir jeweils medizinische und andere Hilfsequipen in die Dörfer und Auffanglager, dann führten wir tagsüber zahlreiche Transport- und Versorgungsflüge durch. Spätnachmittags wurden die Teams wieder nach Beira zum Stützpunkt zurückgeflogen. Dazu gehörten auch zahlreiche Rettungsflüge. Über eine gewisse Zeit stand einer unserer Hubschrauber in einem rund 200 km entfernten Ort an einem Fluss permanent im Einsatz und transportierte tonnenweise Hilfsgüter per Aussenlast in abgeschnittene Dorfschaften.

Waren noch andere Luftfahrzeuge im Einsatz?

Ja, nebst unseren beiden Helis haben die beiden Flugzeuge der Mercy Air regelmässig wichtige, lebenserhaltende Verbindungsflüge mit Material und Fachkräften zwischen Südafrika und Mosambik durchgeführt. Die gesamte Mercy Air Crew stand also in vollem Einsatz. Nach dem Zyklon kamen langsam mehr Helis dazu, auch militärische. Nach ein paar Wochen flogen auch zwei grosse russische Transporthelikopter der UNO. Die Helikoptereinsätze wurden von einem Team Freiwilliger geleitet. Grösste Transportflugzeuge brachten täglich hunderte Tonnen Versorgungsgüter, wie hochwertige Nahrungsmittel, Wasseraufbereitungsgeräte, Planen, Moskitonetze, Notunterkünfte, Haushaltstartpackungen, sowie Medizinische Versorgungsgüter an den Flughafen in Beira. Wir haben rund 250 Tonnen davon mit Mercy Air durch die Luft bewegt.

Wie seid ihr mit dieser enormen Not umgegangen?

Vor allem zu Beginn des Einsatzes waren wir beim Anblick der riesigen Not und den uns möglichen Hilfeleistungen überfordert. Man muss sich aber als allererstes auf das sichere Fliegen konzentrieren, und sich immer wieder entscheiden, die Eindrücke später zu verarbeiten. Es beschäftigt einen, wenn man nicht helfen und nur zusehen kann, wie Menschen in den Wassermassen umkommen. Wir stellten uns dann abends im Bett die Frage, was wäre, wenn wir noch länger und näher hingeflogen, noch besser geschaut hätten? Mit diesen Gefühlen muss man versuchen umzugehen. Besonders schlimm war es in den ersten drei Wochen, als der Helikopter wegen des Wassers oder instabilen Untergrunds vielerorts nicht landen konnte und Notrationen aus dem schwebenden Heli abgeworfen werden mussten. Es war deshalb eine grosse mentale Erleichterung, als endlich der Wiederaufbau begann und wir aus der Luft immer mehr Abdeckplanen sahen – blaue, weisse oder orange, je nach Hilfswerk vor Ort -, die als Dächer auf den Hütten befestigt wurden. Das Gras – das natürliche Abdeckmaterial für die Hütten -, war ja weggeschwemmt worden.

Wie ging es weiter als das Gröbste überstanden war?

Vieles über das Schicksal von Dörfern und Menschen blieb ungewiss, weshalb wir weitere Erkundungs- und Versorgungsflüge unternommen hatten. Unterkunft – Verpflegung – Gesundheit: die Frage, ob diese drei Grundpfeiler abgedeckt sind, hatten wir dabei stets vor Augen. Man muss sich bewusst sein, dass selbst Kommunen, die grundsätzlich auf dem Landweg erreichbar sind, wegen des Hochwassers während bis zu zwei Monaten isoliert und praktisch auf sich alleine gestellt waren. Die Auswirkungen eines Zyklons sind auch deshalb so schlimm, weil es dort keine Versicherungen, keine Ausweichmöglichkeiten und keine Reserven gibt.

Waren Malariaausbrüche ein Problem?

Viel stehendes Wasser bedeutet viele Mücken. Es hatte also mehr Moskitos als sonst, deshalb wurde stehendes Wasser nahe der Notunterkünfte mit entsprechender für Menschen unschädlicher Chemie behandelt. Die medizinischen Teams haben viele an Malaria erkrankte Menschen gefunden und behandelt. Wir haben auf dem Luftweg tausende Moskito-Netze transportiert und diese wurden an die Bevölkerung verteilt. Ein grosses Problem sind bei solchen Katastrophen immer Durchfallkrankheiten. Zum Glück kam es nur zu einem kurzen Choleraausbruch. Die WHO und ihre Partner haben 900‘000 Choleraimpfungen einfliegen lassen und sind das Problem sehr aktiv angegangen.

Was möchtest du rückblickend festhalten?

Für Mercy Air als kleine Organisation war dieser Katastropheneinsatz eine sehr grosse Mission. Wir wurden unverhofft Zeugen von unbeschreiblich riesiger, menschlicher Not und Tragödie. Während des Einsatzes stiessen wir an unsere Grenzen. Aber wir haben täglich Schutz, Bewahrung und Segen von Gott während der rund 1’520 durchgeführten Flüge erfahren dürfen. Ich bin tief beeindruckt über die riesige Einsatzwilligkeit und die enorm grossen Leistungen unseres permanenten Teams, sowie der spontan verfügbaren Einsatzkräfte die uns zur Hilfe kamen. Dies wäre nicht möglich gewesen, ohne die zahlreichen Spender und Gönner aus der Schweiz und Deutschland, welche diesen Hilfseinsatz grosszügig unterstützten. Im Namen aller Hilfe erhaltenen Menschen in Mosambik möchte ich hiermit meinen tiefsten Dank aussprechen.

Ihr Matthias Reuter, Helikopterpilot